Freunde oder Feinde?

Hast du das schon einmal erlebt? An einem einzigen Tag bist du zuerst mit dem Velo unterwegs, dann zu Fuss und später sitzt du im Auto. Was hast du als Fussgänger oder Fussgängerin von den Autofahrenden gehalten? Und wie hast du als Mitfahrer oder Mitfahrerin im Auto die Velofahrenden wahrgenommen?

Oft ärgern wir uns über Verkehrsteilnehmende, die mit einem anderen Verkehrsmittel unterwegs sind als wir selbst. Autofahrende ärgern sich über Velofahrende, Velofahrende über Autofahrende. Ein Klassiker. Aber warum ist das so?

Warum fühlen wir uns manchen Menschen näher als anderen?

Die Sozialpsychologie liefert dafür eine Erklärung. Menschen fühlen sich gerne einer Gruppe zugehörig. Das kennen wir beispielsweise aus der Musik oder der Mode: Wir identifizieren uns mit einem bestimmten Musik- oder Kleidungsstil. Ein Teil einer Gruppe zu sein, fühlt sich gut an. Wir fühlen uns anerkannt, aufgehoben und umgeben von Menschen, mit denen wir etwas gemeinsam haben.

Im Strassenverkehr zeigt sich etwas Ähnliches, auch wenn wir die anderen Menschen nicht kennen. Vielleicht haben wir das Gefühl, dass Motorradfahrende cool sind oder dass andere Velofahrende ähnlich denken wie wir. In Wirklichkeit wissen wir kaum etwas über diese Menschen.

Auch wir Menschen fühlen uns gerne einer Gruppe zugehörig. (Bild: Adobe)

Dieser Mechanismus nennt sich: Eigengruppenbevorzugung. Wir neigen dazu, Menschen, die wir unserer eigenen Gruppe zuordnen, positiver wahrzunehmen. Gleichzeitig sehen wir Menschen aus anderen Gruppen schneller als eine einheitliche Gruppe und manchmal sogar als Gegenspieler. Unterschiede innerhalb der eigenen Gruppe nehmen wir hingegen viel stärker wahr.

Deshalb kann beispielsweise das Fehlverhalten eines einzelnen Velofahrenden schnell zu einer Aussage führen wie: «Velofahrende halten sich an keine Regeln.» Bei Autofahrenden, welche sich falsch verhalten, würden wir dagegen kaum auf die Idee kommen, deshalb alle Autofahrenden gleich zu beurteilen.

Ist das grundsätzlich ein Problem? Nicht unbedingt. Sich mit einer Gruppe zu identifizieren, ist völlig normal. Problematisch wird es, wenn aufgrund dieser Zugehörigkeit eine ganze Gruppe als schlechte Verkehrsteilnehmende beurteilen wird und dies nur weil sie anders unterwegs ist als wir.

Mit der Realität hat eine solche Verallgemeinerung wenig zu tun. Wie sich jemand im Strassenverkehr verhält, hängt von der Person ab, nicht vom Verkehrsmittel.

Auf der Strasse gibt es oft Probleme auf Grund unterschiedlicher Verkehrsmittel. (Bild: Adobe)

Was du dir vor Augen halten solltest

 Die Strasse ist ein gemeinsamer Raum. Hier treffen Menschen aufeinander, die mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind und deshalb unterschiedliche Bedürfnisse und Voraussetzungen haben.

Ein Fussgänger bewegt sich nicht mit derselben Geschwindigkeit wie Velofahrende, Velofahrende nicht mit derselben wie ein Auto. Diese Unterschiede sind weder ein Fehler noch eine Provokation, sie gehören zum Strassenverkehr.

Das (Fehl-) Verhalten einer einzelnen Person steht niemals für das Verhalten einer ganzen Grppe. Schliesslich möchtest auch du nicht wegen des Fehlverhaltens anderer Personen verurteilt werden, nur weil ihr mit dem gleichen Verkehrsmittel unterwegs seid.

Zusammengefasst: ein paar nützliche Gedanken

  • Erkenne den Reflex. Sich der eigenen «Gruppe» verbunden zu fühlen und anderen Gruppen gegenüber skeptischer zu sein, ist menschlich. Aber dieses Gefühl ist keine Tatsache.
  • Verallgemeinere nicht aufgrund eines einzelnen Verhaltens. Einzelne unvorsichtige Verkehrsteilnehmende stehen nicht für alle Menschen, die mit dem gleichen Verkehrsmittel unterwegs sind.
  • Denk daran, dass jedes Verkehrsmittel andere Voraussetzungen mit sich bringt. Was auf den ersten Blick wie Rücksichtslosigkeit aussieht, kann manchmal mit einer Situation oder Einschränkung zusammenhängen, die du selbst gerade nicht wahrnimmst.
  • Gemeinsam auf der Strasse, nicht gegeneinander. Die Strasse gehört keiner einzelnen Gruppe – sie ist für alle da.

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